Zusammenhalten und Rücksicht aufeinander nehmen: Bibiane Benadio spricht bei Kundgebung gegen Corona-Leugner*innen in Münster

Bibiane Benadio, Landtagskandidatin im Münsteraner Norden und in Altenberge, sprach bei der Kundgebung gegen die sogenannten „Spaziergänge“ von Corona-Leugner*innen, Impfgegner*innen, Verschwörungstheorektiker*innen und bekannten Personen aus der rechten Szene. Hier findet ihr ihren gesamten Redebeitrag auf der Kundgebung zum Nachlesen:

 

Guten Abend meine Damen und Herren,

liebe Freunde,

ich bedanke mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, und freue mich sehr, heute Abend hier sprechen zu dürfen.

Bedanken möchte ich mich auch bei der Polizei und dem Kommunalen Ordnungsdienst der Stadt Münster, die seit Wochen in Sonderschichten und unter nicht gerade angenehmen Bedingungen ermöglichen, was in Deutschland selbstverständlich ist: das Recht auf freie Meinungsäußerung eines jeden Menschen. Dies gilt selbstverständlich auch für Menschen, die gegen Impfungen allgemein, gegen Corona-Impfungen oder auch nur gegen eine Impfpflicht sind. Seit Wochen ermöglichen es die Sicherheitskräfte in dieser Stadt, dass diese Menschen ihre Ablehnung jeden Montag und teilweise sogar am Wochenende auf die Straße tragen können. Diese Arbeit beweist doch eines: wir leben eben nicht in einem Regim, sondern in einer Demokratie, die dieses Recht auf freie Meinungsäußerung gewährleistet und schützt.

Ich kann einfach nicht verstehen, und ich gebe zu, ich möchte es auch nicht verstehen, wie man einerseits an diesen als Spaziergänge deklarierte Demonstrationen teilnehmen kann und andererseits sich als Opfer eines Staatsapparates darstellt und mit Opfern des Nationalsozialismus oder des DDR-Regimes vergleicht. Das ist nicht nur extrem geschichtsrevisionistisch und eine Verharmlosung der unbeschreiblichen Gräueltaten dieser Regime, es ist auch ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen, die tagtäglich für unsere rechtsstaatliche Ordnung einstehen und das Fortbestehen unserer Demokratie sichern.

Und eines möchte ich dazu noch sagen: egal, wie man zum Impfen steht und aus welchen Gründen man dieses vielleicht ablehnt – wer an der Seite von Nazis demonstriert, ob nun als harmloser Spaziergang bezeichnet oder nicht, der steht auf der falschen Seite! Da gibt es für mich keine Diskussionen. Hier fordere ich eine klare Abgrenzung von dem faschistischen, geschichtsrevisionistischen Akteur*innen in dieser Bewegung.

Gründe, die gegen eine COVID-19-Impfung sprechen, gibt es viele:

Ängste um die eigene Gesundheit, Sorge um die Fruchtbarkeit, Skepsis gegenüber der Wissenschaft, Frustration durch schlechte Kommunikation der Politik, Enttäuschung durch die Politiker selbst, Glaube an Verschwörungstheorien.

Ich kann mich deshalb hier nicht mit einer Rede an DIE Impfgegner*innen wenden. Sie sind zu viele, zu verschieden. Was ich aber wohl einigen von ihnen sagen möchte ist:    Ich verstehe die Angst vor dem Ungewissen!

Ich habe bis vor Kurzem eine Senioreneinrichtung geleitet, die mir besonders am Herzen liegt. Ihre Bewohnerinnen und Bewohner gehören zur vulnerablen Gruppe von Menschen, für die Corona eine besondere Gefahr darstellt. Wir gehörten zu den ersten Menschen, die Anfang 2021 geimpft wurden und ich war damals zunächst skeptisch, weil es noch keine Langzeitstudien dazu gab. Ich selbst hatte mich erst einmal sehr intensiv damit befassen müssen, bevor ich Vertrauen fand. Aber nach langem, gründlichem Studium war ich zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Impfung auf jeden Fall weniger riskant ist als eine Infektion.

Mein Appell heißt: Denken Sie mal über sich hinaus! Wir müssen die Corona-Seuche als ganze Gesellschaft bewältigen. Auch wenn ich Verständnis für manche Angst und Skepsis aufbringe, bin ich dennoch sehr wohl dafür, dass sich so viele Menschen wie möglich impfen lassen. Nur so können wir eine Überlastung der Krankenhäuser im kommenden Herbst vorbeugend vermeiden. Und ja, ich finde DAS allein ist ein Grund sich impfen zu lassen. Damit macht jede und jeder Geimpfte es weniger wahrscheinlich, dass sie oder er einem Krankenhaus mit seinem unzureichenden und erschöpften Personal zu Last fällt.

Hier befindet sich die Baustelle, die auf lange Sicht fertiggestellt werden muss und dafür setze ich mich als Landtagskandidatin ein. Wir müssen die Tätigkeit des Pflegepersonals endlich aufwerten zu dem was sie ist: eine Arbeit, die eine hochqualifizierte Berufsausbildung voraussetzt und deshalb in vielen anderen Ländern an Universitäten durchgeführt wird. Wenn uns das gelingt und dadurch wieder ausreichend Pflegekräfte in den Einrichtungen arbeiten, dann können Krisen, wie diese auch besser aufgefangen werden. Das heißt, weniger drastische Maßnahmen werden eventuell notwendig sein.

Aber so weit sind wir eben noch nicht!

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde,

Sich gegen die Impfung zu entscheiden ist das eine.  Aber was ich nicht akzeptieren kann, ist der Schulterschluss mit Rechten, Radikalen, weltfremden Verschwörungsgläubigen und allen, die unser System als solches ablehnen.

Gegen die Impfung zu sein, ist noch lange kein Grund, sich auf öffentlichen Veranstaltungen mit Menschen zusammenzutun, die sich nicht nur um ihre Gesundheit sorgen, sondern grundsätzlich unser freiheitlich demokratisches System ablehnen.

Diese Vermengung der Anliegen ist hoch brisant. Ich würde diejenigen, die das tun, wenn sie sich jeden Montag den sogenannten Spaziergängen anschließen, gern fragen:

Wünschen Sie sich wirklich eine Regierung, die noch weniger Entscheidungsfreiheit lässt?

Wollen Sie wirklich, das Prinzip der parlamentarischen Demokratie aufgeben?

Glauben Sie wirklich, in einem anderen politischen System würde man Sie weniger zu bestimmten Handlungen zwingen, wenn sich Notlagen ergeben?

Nein: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und zum Schutz vor Überlastung der medizinischen Einrichtungen sind ein verantwortungsvolles Vorgehen der Regierung. Auch, wenn nicht immer alles logisch ist – wenn manches unbequem und unangenehm ist. Letztlich haben die Politiker*innen keinen persönlichen Gewinn durch diese Maßnahmen. Ihre einzige Absicht war und ist es, die Situation unter Kontrolle zu halten.

Die Impfung ebenso wie die anderen Schutzmaßnahmen verlangen von jedem Einzelnen über sich selbst hinauszudenken.

Wenn Sie sich trotz allem nicht impfen lassen wollen, dann fordere ich Sie auf, sich dennoch nicht mit denen zusammenzuschließen, die unsere gesellschaftlichen Strukturen umstürzen wollen.

Bleiben sie sich treu.

Bleiben Sie bei der Sache.

Bleiben Sie auf Abstand zu Rechten, Verschwörungsgläubigen und Radikalen.

Nehmen Sie nicht zusammen mit diesen Menschen an Veranstaltungen, wie den Montagsspaziergängen, teil.

Geben Sie unserer Demokratie eine Chance.

Geben Sie uns Politiker*innen eine Chance.

Nehmen Sie uns ab, dass wir immer die Absicht haben, die beste Lösung für Sie und für uns alle zu finden.

Lassen Sie uns zusammenhalten und Rücksicht aufeinander nehmen – auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Ich bitte jeden Menschen, den eigenen Beitrag dazu zu leisten, dass wir diese Pandemie eindämmen. Dazu gehört leider, dass wir uns während der Wellen einschränken und auf vieles für uns Wichtige verzichten und dass wir uns – wenn medizinisch möglich – impfen lassen.

Machen Sie uns Politiker*innen stark durch Solidarität und Vertrauen.

Dann werden wir gemeinsam die Pandemie überwinden!

Gemeinsam für ein besseres Morgen mit Herz und Hand.